Palais Reichenbach

Metropolis_Palais_final

Leseprobe

Seine Durchlaucht Fürst Paul knallte die Zeitung auf den Tisch, kaum dass er sie aufgeschlagen hatte. Das Geschirr schepperte, mit so viel Verve tat er das. Prinzessin Ina zuckte zusammen und glaubte sogar, die Kristalle des alten Kronleuchters über dem Esstisch wären klirrend aneinandergestoßen. Plötzlich war die Stimmung im Frühstückssalon eisig. Prinz Fridolin ballte die Hand neben seiner Kaffeetasse zur Faust. Rasch zog er sie vom Tisch. Auf dem Schoß versuchte er die Finger zu entspannen. Ina sah es, hörte, dass ihr älterer Bruder mit den Zähnen knirschte und bemerkte auch die Schweißperlen auf Desslers Stirn. Sie tupfte sich die Lippen mit der Stoffserviette ab und nahm einen letzten Schluck Tee. Warum sagte denn niemand etwas?

Einzig ihr jüngerer Bruder Prinz Georg bestrich sich seelenruhig eine weitere Scheibe Vollkornbrot. Dass er dabei nicht vergnügt pfiff, war alles.

Fürst Paul sah auf die zerknautschte Voss neben seinem Teller und strich sich über den weißen Backenbart. Dann legte er seine Serviette auf die Zeitung und erhob sich. „Fridolin!“ Es war eindeutig ein Befehl, dem der älteste Sohn auch sogleich zackig Folge leistete.

Prinzessin Ina streckte die Hand nach der Zeitung aus, als die Stimme ihres Vaters von der Tür her scharf erklang. „Und bring die Voss mit“, verlangte er.

Fridolin zog das Blatt unter den Fingern seiner kleinen Schwester weg und folgte seinem Vater hinaus. Inas Hand schwebte noch einen Moment in der Luft, bevor sie sie zurückzog, sich aufsetzte und leise räusperte.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum die Politik nicht auch hier am Frühstückstisch besprochen werden kann“, sagte sie.

Prinz Georg schlug sein Ei auf und stach mit dem Löffel hinein. „Meines Erachtens wird sie hier viel zu oft diskutiert. Deshalb bleib ich gern hin und wieder im Bett.“ Sein schönes Gesicht mit den großen, blauen Augen und dem markanten Kinn zeigte keine Zeichen von Sorge, während der Prinzessin die Falten auf ihrer eigenen Stirn beinah schmerzlich bewusst waren.

„Papa hat nicht einmal seinen geliebten Speck aufgegessen. Etwas, das ihn davon abhält, muss so schlimm sein, dass es uns alle angeht, denkst du nicht?“

Prinz Georg sah zum Teller des Fürsten hinüber, erhob sich und stibitzte die verbliebenen Speckstreifen, gleich mit den Fingern, ohne eine Gabel zu benutzen. Er legte die Beute auf seinen Teller und wischte sich die Hände an der Serviette ab. „Nein.“

„Darf ich Seiner Durchlaucht noch Speck aus der Küche bringen?“

Der Prinz lächelte knapp. „Nein. Danke, Dessler.“

„Georg“, mahnte Ina ärgerlich. Er war nur ein Jahr jünger als sie, aber manchmal benahm er sich wirklich wie jemand, der beileibe nicht in Gesellschaft essen sollte.

Prinz Georg seufzte und sah seine Schwester an. „Ina, Liebes, wenn Politik uns alle anginge, dann wären wir alle Politiker. Das sind wir aber nicht.“ Er nahm einen Löffel Ei. „Auf den Punkt. Sagen Sie das Anita bitte, Dessler. Sie hat das Ei wieder einmal fabelhaft hinbekommen.“

„Sehr wohl, Durchlaucht.“

„Es ist ein Ei, Georg. Gibt es nicht wenigstens hin und wieder wichtigere Dinge im Leben als deinen Genuss?“

„Schau nicht so ernst, Ina. All diese blonden Locken, und dann solche Falten auf der Stirn! Das passt doch nicht zusammen.“

„Ein Prinz, der sich schwermütig gibt, wenn ihm danach ist, und einfach im Bett bleibt, das passt nicht zusammen.“

„Ich bin doch hier.“

„Ja, heute …“ Sie musste sich wirklich sehr zusammenreißen. „Und vielleicht hast du es ja mitbekommen: Papa ist außer sich.“

Prinz Georg beugte sich vor. „Aber er will uns offensichtlich nicht mitteilen, weshalb. Also sind wir fein raus.“

„Ich weiß, weshalb. Das ist es ja.“

„Du weißt es? Na, dann weißt du, was du wissen möchtest. Ich frühstücke, was ich frühstücken möchte. Haben wir nicht ein formidables Leben?“

Ina schüttelte leicht den Kopf und sah ihren Bruder fassungslos an. „Ja, Georg. Noch. Das Volksbegehren ist seit gestern durch. Die Voss hat heute die Ergebnisse gebracht, und Papa ist aufgebracht. Was denkst du, was das für uns heißt?“

„Oh“, machte Prinz Georg.

Irrte die Prinzessin sich, oder wurde ihr Bruder plötzlich etwas blass um die Nase?


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