Interview mit den Autoren

 

Herr Schütte, Sie haben das Konzept zu „Metropolis Berlin“ entwickelt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Romanwelt zu erschaffen?
Oliver Schütte: Die Zwanziger Jahre in Berlin haben mich schon sehr lange fasziniert. Aus dieser Begeisterung ist die Idee entstanden, Geschichten in dieser Zeit anzusiedeln. Zusammen mit dem Verlag habe ich dann das Konzept entwickelt, mehrere Romane in den Goldenen Zwanzigern spielen zu lassen. Dabei stand von vornherein fest, dass die Romane in unterschiedlichen Genres erzählt werden. Als ich mich genauer damit beschäftigt habe, war mir sehr schnell klar, dass es Verbindungen zwischen den Geschichten und Figuren geben muss.

Was macht „Metropolis Berlin“ so einzigartig? 

Oliver Schütte: Das Besondere an „Metropolis Berlin“ ist eine neue Art des Storytellings. Der Leser hat die Möglichkeit, ausgewählte Szenen z.B. aus „Die rote Burg“ noch einmal aus der Sicht einer Figur beispielsweise aus „Champagner, Charleston und Chiffon“ zu erleben. Dazu genügt ein Symbolklick. Was für ein aufregendes Leseerlebnis!

Als feststand, dass es die Romanwelt geben wird, hat es mich gereizt, mit dem Potenzial von eBooks zu arbeiten. Es ist eine Welt, in die der Leser eintauchen kann und in der er selbst bestimmt, was ihn interessiert. Das ist ja etwas Einzigartiges, das es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Was hat Ihnen dreien am Entstehungsprozess besonders Spaß gemacht?

Oliver Schütte: Der Prozess der gemeinsamen Arbeit mit den beiden Kolleginnen war sehr aufregend. Bei vielen Entscheidungen gab es ja keine Erfahrungen, auf die wir uns berufen konnten. So haben wir zum Beispiel erst im Laufe der Arbeit festgestellt, dass wir für die Tage, die in mehr als einer Geschichte erzählt werden, das Wetter aufeinander abstimmen müssen. Wir haben dann im Internet eine Datenbank eingerichtet, in dem die Wetterdaten eingetragen werden konnten. Diese Art der Pionierarbeit begeistert mich und setzt sehr viel Energie frei.

Ulrike Bliefert: Am meisten Spaß gemacht hat mir, dass in  den Parallelszenen mitunter Verblüffendes – für mich genauso wie für meine Romanfiguren – gesagt oder getan wurde. Darauf galt es dann – egal wie! – zu reagieren, und dabei entstanden mitunter Szenen, die mir im Alleingang so nicht eingefallen wären.

Josephine Winter: Dass drei Autoren gemeinsam eine Welt erschaffen, in der wiederum individuelle Geschichten spielen, war vollkommen neu für mich und hat sehr großen Spaß gemacht. Diese Welt ist einerseits gewachsen und andererseits immer deutlicher und detaillierter geworden, was zumindest meinem Roman sehr gut getan hat.

Was fasziniert Sie am Berlin der 20er Jahre?

Oliver Schütte: Berlin war damals wenige Jahre nach dem verheerenden Krieg die spannendste Stadt der Welt. Aufbruch lag in der Luft. Was vor allem an den vielen Künstlern und Einwanderern lag, die aus aller Welt kamen. Sie wollten und konnten hier ihre Freiheit genießen und ihr eigenes Leben leben. Das ist für mich auch eine Parallele zum heutigen Berlin.

Ulrike Bliefert: Mich fasziniert der Optimismus und die Lust an Innovation und Experiment, die im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre herrschte. Insbesondere die damals herrschende Libertinage in Sachen Sexualität ist rückblickend faszinierend. Da hinken wir ja heute sogar noch hinterher! Und die jüdische Alltagskultur, die damals so selbstverständlich das Berliner Leben bereichert hat, hat mich von jeher fasziniert.

Josephine Winter: Für mich sind die 20er Jahre eine ungemein faszinierende Epoche. Ich frage mich oft, wo wir heute stünden, wenn der Nationalsozialismus uns nicht kulturell und gesellschaftlich ausgebremst und um gefühlte fünfzig Jahre zurückgeworfen hätte. Darauf gibt es keine Antwort. Aber wir können Geschichten aus der Zeit lesen oder erzählen. Das tröstet ein wenig darüber hinweg. Mich zumindest. Außerdem ist es einfach eine wahnsinnig ästhetische Epoche voller toller Kleider und schöner Frisuren.

Einige Charaktere tauchen in jeder Geschichte auf. War es schwierig, eine bestehende Figur schlüssig weiterzuentwickeln und ihr gleichzeitig etwas Persönliches mitzugeben?

Oliver Schütte: Jeder Autor hat die kreative Hoheit über seine Figur behalten. Wenn ich etwas zu einer der Figuren aus den anderen Romanen geschrieben habe, dann waren das immer nur Vorschläge, die die betroffene Autorin korrigieren oder weiter entwickeln konnte.

Ulrike Bliefert: Nein, das war kein Problem, denn wir drei hatten unsere Figuren von Anfang an sozusagen unter Artenschutz gestellt: Niemand hat einer „Gastfigur“ Dinge in den Mund gelegt oder Taten angedichtet, die den Intentionen des jeweiligen Erfinders bzw. der jeweiligen Erfinderin widersprachen.

Josephine Winter: Die Figuren gehören alle zu einem der drei Romane und damit zu einem Autor. Wenn also meine Köchin Anita in einem der anderen beiden Romane einen Gastauftritt hat, dann ist das dramaturgisch nur ein Gastauftritt, über den ich als Anitas Autorin nach wie vor wache. Es hat also keiner von uns eine Figur eines anderen Autors weiterentwickelt. Allerdings haben wir natürlich viel über unsere Storylines geredet und uns Fragen gestellt. Das war sehr fruchtbar und hat mir oft geholfen noch tiefer in meine Geschichte einzutauchen oder zu sehen, wenn ich mit der Handlung in einer Sackgasse bin. Außerdem muss ich besonders Ulrikes wirklich famose Recherchearbeit und Olivers unerschütterlichen Überblick über alle drei Romane hervorheben. Das hat mich in gleichem Maße fasziniert wie unterstützt.

In „Die rote Burg“ wird das Opfer wortwörtlich einem Löwen zum Fraß vorgeworfen. Wie ist die Idee zu dieser ungewöhnlichen Mordmethode entstanden?

Oliver Schütte: Ich wollte etwas anderes als die übliche Situation erzählen: Der Kommissar kommt zum Tatort, da liegt ein Toter auf dem Boden, und nun geht das Rätselraten los, wer es war. Aus diesem Impuls und der Tatsache, dass damals mitten in Berlin ein festes Zirkusgebäude stand, ist die Idee entstanden. Gleichzeitig hat die Tat etwas sehr Archaisches und Radikales, das gut in die Zeit und zu dem passt, was ich erzählen wollte.

Das Buch spielt im Berliner Untergrund. Wie haben Sie die Verbrecherszene der 20er Jahre recherchiert?

Oliver Schütte: Mich haben schon immer die Berliner Ringvereine in den 20er Jahren neugierig gemacht. Es waren legale und öffentlich bekannte Vereine, die offiziell angemeldet waren. Dahinter verbargen sich aber der gesamte Drogenhandel, Einbrüche und Prostitution in der Hauptstadt. Die Materiallage ist in diesem Fall aus verständlichen Gründen aber leider beschränkt. Ich habe mir deshalb unzählige Filme aus der damaligen Zeit angeschaut und sehr viel in den Archiven gestöbert. In „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ geht es ja zum Beispiel genau um diese Ringvereine. Außerdem habe ich Zeitungen gelesen, ganz besonders die „Vossische“ aus dem Jahr 1926.

In „Champagner, Charleston und Chiffon“ zieht die junge Elly vom Land in die Großstadt Berlin, voller Hoffnung und Erwartungen. Was ist sie für eine Person, dass sie diesen Schritt in ein neues Leben wagt?

Ulrike Bliefert: Elly Preissing ist in allererster Linie ein Stehauf-Mädchen, eine lebensbejahende Optimistin, die sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt. Mode  bzw. Formen, Farben und  Materialien sind ihre Leidenschaft und der kann sie auf dem Gut ihrer ostpreußischen Großmutter nun mal nicht frönen. In der damaligen Textil- und Modemetropole Berlin heuert sie zunächst als Buchhalterin in einem Gebrauchtkleidungsgeschäft an, um wenigstens auf diese bescheidene Weise mit Kleidern und Accessoires in Berührung zu kommen. Doch dann entwickelt sich alles ganz anders, als sie sich in ihren kühnsten Träumen vorgestellt hat …

Elly arbeitet schließlich als „Vorführdame“. Wie muss man sich diesen Beruf vorstellen?

Ulrike Bliefert: Der Job als Vorführdame ist nur eine von Ellys Tätigkeiten, aber ich will nicht vorgreifen! Damals hatten alle großen Modehäuser ihre eigenen Mannequins, die die jeweils neusten Modelle der gut betuchten weiblichen Kundschaft u.a. bei sogenannten „Modetees“ und häufig sogar bei exklusiven Privatterminen „live“ vorführten. Häufig handelte es sich dabei um Entwürfe der großen Couturiers, die der jeweiligen Kundin dann auf den Leib (nach-)geschneidert wurden.

In „Das Palais Reichenbach“ geht es um die damals herrschenden Klassenunterschiede. Ist es Ihnen leicht gefallen, sich in die Rolle der Adligen hineinzuversetzen?

Josephine Winter: Es ist weniger eine Frage, ob ich mich in die Rolle der Adligen hineinversetzen kann, sondern ob es in dieser Welt Figuren mit spannenden Konflikten gibt, die ich erzählen möchte. Vor „Der Palais Reichenbach“ habe ich schon viele Adelsromane geschrieben, teils ebenfalls in den 20er Jahren angesiedelt und alle unter verschiedenen Pseudonymen. Der Adel fasziniert mich, weil es ihn heute kaum noch gibt. Die Zwanziger Jahre sind für diese Gesellschaftsschicht besonders spannend, denn damals war der Adel gerade „frisch“ abgeschafft (1918 wurde aus allen Adelstiteln ein Nachname/ Namenszusatz, Adlige sind Bürgerlichen seither komplett gleichgestellt). Es ist doch ungemein spannend, wenn man sich Menschen vorstellt, denen ihr komplettes Selbstverständnis und existentielles Distinktionsmerkmal gerade genommen wurde. Wenn eine Familie sich Jahrhunderte lang damit identifiziert hat, dass sie fürstlich ist, was macht sie dann jetzt? Wie definieren diese Figuren sich neu? Können sie das, oder halten sie an ihren Titeln fest, egal, ob es die nun noch gibt oder nicht? Lassen sich Klassenunterschiede einfach abschaffen, indem man jemandem einen Titel wegnimmt?

In der Geschichte geht es um die Familie Reichenbach, deren Mitglieder unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit welcher Figur können Sie sich am ehesten identifizieren und gibt es einen Charakter, den sie selber nicht leiden können?

Josephine Winter: Ich habe zum ersten Mal einen Roman geschrieben, der nicht eine Hauptfigur hat, sondern von einem ganzen Ensemble getragen wird. All diese Figuren zu entwickeln und in unterschiedliche Richtungen zu treiben hat großen Spaß gemacht. Identifizieren kann ich mich wahrscheinlich am ehesten mit Prinzessin Ina und dem Hausmädchen Marlene, vielleicht, weil sie junge Frauen sind, wahrscheinlich aber, weil sie modern und progressiv denken – oder sich dahin entwickeln. So oder so ist das nur eine Tendenz, denn ich mag alle meine Figuren, jede erfüllt ihren Zweck und jede hat ihren Konflikt. Es gibt keinen Antagonisten, nur Probleme, deren Lösungen wieder Probleme für andere Figuren mit sich bringen. Mit solchen Geschichten kann ich mich identifizieren.

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